„Wir sind nicht fotogen“ – der Satz, den ich am häufigsten höre
Über Werkstätten, Büros und die Angst, nicht gut genug auszusehen.

Ich höre diesen Satz mindestens einmal im Monat. Meistens kommt er von der Geschäftsführung, manchmal vom Marketing, gelegentlich von den Mitarbeitern selbst. „Bei uns gibt es nichts zu fotografieren.“ Oder: „Unsere Räume sind halt nicht so schön.“ Oder mein persönlicher Favorit: „Wir sind ja kein Start-up mit Dachterrasse.“
Ich fotografiere seit über 15 Jahren Unternehmen. Mittelständler, Konzerne, Handwerksbetriebe, Ingenieurbüros, Logistikfirmen, Pflegeeinrichtungen. Ich war in Werkstätten, in denen es nach Metall riecht, in Großraumbüros mit Teppichboden aus den Neunzigern und in Lagerhallen, wo die Decke tropft. Und ich sage dir: Jedes einzelne dieser Unternehmen war fotogen. Ohne Ausnahme.
Die Frage ist nie, ob ein Unternehmen fotogen ist. Die Frage ist, ob jemand hinschaut, der weiß, wo er hinschauen muss.
Warum wir denken, wir seien nicht fotogen
Das Problem sitzt im Kopf, und es hat einen Namen: Vergleich. Wir sehen die Karriereseiten von Google, von Salesforce, von hippen Berliner Start-ups. Große Fenster, Designer-Möbel, Betonoptik, Pflanzen an der Wand. Und dann schauen wir uns um: Unser Büro hat Raufasertapete. Die Werkstatt ist voll mit Maschinen. Die Küche ist klein und die Kaffeemaschine hat schon bessere Tage gesehen.
Und wir denken: Das kann man nicht zeigen.
Doch, kann man. Sogar sehr gut. Denn Bewerber suchen nicht nach Designer-Möbeln. Sie suchen nach Echtheit. Nach einem Arbeitsplatz, der sich anfühlt wie ein Ort, an dem echte Menschen echte Arbeit machen. Die Raufasertapete stört niemanden, wenn das Bild gut gemacht ist und die Menschen darauf authentisch wirken.
Die Werkstatt, die ihre Bilder gerahmt hat
Einer meiner liebsten Aufträge war ein Metallverarbeitungsbetrieb. 80 Mitarbeiter, Hallen voller CNC-Maschinen, Öl auf dem Boden, Funkenflug beim Schweißen. Der Geschäftsführer hat am Telefon gesagt: „Sie können kommen, aber erwarten Sie nicht zu viel. Ist halt eine Werkstatt.“
Wir haben einen Tag dort verbracht. Ich habe die Facharbeiter bei dem fotografiert, was sie jeden Tag tun. Hände, die ein Werkstück prüfen. Konzentrierte Gesichter hinter Schutzvisieren. Funkenflug, der im richtigen Licht aussieht wie Feuerwerk. Die Maschinen als Kulisse, nicht als Hindernis. Die Mittagspause, in der drei Kollegen zusammen an einem Tisch sitzen und lachen.
Zwei Wochen später rief der Geschäftsführer an. Sie hatten die Bilder im Eingangsbereich aufgehängt, großformatig. Seine Mitarbeiter seien „stolz wie Oskar“ gewesen. Und auf der neuen Karriereseite hätten sie innerhalb eines Monats mehr Bewerbungen bekommen als im ganzen Halbjahr davor.
Nicht weil die Werkstatt plötzlich schöner war. Sondern weil zum ersten Mal sichtbar wurde, was dort passiert. Und das war beeindruckend.

Das Büro, das „nur ein Büro“ war
Ein anderes Beispiel: Ein Ingenieurbüro, 50 Leute, normales Gebäude in einem Gewerbegebiet. Innen: Schreibtische, Monitore, Besprechungsräume. Die Marketingverantwortliche hat mir vorab geschrieben: „Ich warne Sie vor, bei uns sieht es nicht besonders aus.“
Was sie nicht gesehen hat: Das Licht, das nachmittags durch die Fenster fällt und lange Schatten über die Schreibtische wirft. Die Konzentration in den Gesichtern, wenn jemand in eine technische Zeichnung vertieft ist. Die Pinwand mit den Projektfotos und den Postkarten aus dem Urlaub. Den Moment, in dem zwei Kollegen im Flur stehen bleiben und spontan über ein Problem diskutieren.
Das sind keine spektakulären Motive. Aber sie erzählen eine Geschichte. Sie sagen: Hier wird gearbeitet. Hier wird gedacht. Hier passiert etwas. Und genau das will ein Bewerber sehen.

Der Geschäftsführer, der kein Foto von sich wollte
Den gibt es in fast jeder Firma. Jemand, der sagt: „Von mir brauchen wir kein Bild.“ Meistens Männer, meistens über 50, meistens mit dem Argument: „Ich bin nicht wichtig, fotografiert lieber die Mitarbeiter.“
Ich respektiere das. Aber ich erzähle dann meistens von dem Geschäftsführer, der sich am Ende des Tages doch hat überreden lassen. Nur fünf Minuten, an seinem Schreibtisch, bei dem, was er sowieso gerade tat. Kein Posieren. Kein „Sagen Sie mal Cheese“. Einfach er, bei seiner Arbeit, mit dem Fenster im Rücken und einem Stapel Papier vor sich.
Das Bild war in einer Woche sein neues LinkedIn-Profilbild. Nicht weil es besonders künstlerisch war. Sondern weil er sich zum ersten Mal auf einem Foto wiedererkannt hat. „Das bin ja wirklich ich“, hat er gesagt. Das war das größte Kompliment, das ich je bekommen habe.

Worauf es wirklich ankommt
Fotogensät ist keine Eigenschaft von Räumen oder Gesichtern. Es ist eine Frage der Perspektive. Und damit meine ich nicht nur den Kamerawinkel, sondern die Haltung dahinter.
Wenn du dein Unternehmen fotografierst, um zu beweisen, dass ihr schön seid, wird es komisch. Dann posieren Menschen, Räume werden aufgeräumt bis zur Sterilitiät, und am Ende sehen die Bilder aus wie aus einem Prospekt – technisch okay, aber leer.
Wenn du dein Unternehmen fotografierst, um zu zeigen, wer ihr seid, passiert etwas anderes. Dann dürfen Menschen müde aussehen nach einem langen Projekt. Dann darf die Werkstatt nach Werkstatt aussehen. Dann darf der Besprechungsraum voll sein mit Post-its und halbvollen Kaffeetassen. Weil genau das die Wahrheit ist. Und die Wahrheit ist fotogen. Immer.
Also: Wenn du denkst, euer Unternehmen sei nicht fotogen genug für gute Bilder – dann denk nochmal. Wahrscheinlich hast du nur noch nie jemanden gehabt, der richtig hingeschaut hat.





