Kategorie: Humanity | Wettbewerb: The Art of Storytelling | Professional

Ein winziges Wesen liegt auf dem Rücken in einer schützenden Hand. Die Augen noch geschlossen, die Stacheln weich, die Pfoten zart wie kleine Sterne. Mit letzter Kraft reckt es sein Schnäuzchen einem Mehlwurm entgegen, der ihm behutsam gereicht wird. Es ist ein Moment, der kaum größer sein könnte als ein Atemzug – und doch eine ganze Geschichte erzählt.

Dieses Bild, The Hedgehog, wurde bei den 1839 Awards 2025 im internationalen Wettbewerb The Art of Storytelling in der Kategorie Humanity mit einer Honorable Mention in der Professional-Sparte ausgezeichnet. Die 1839 Awards, benannt nach dem Jahr, in dem die Fotografie erstmals der breiten Öffentlichkeit zugänglich wurde, zählen zu den renommiertesten internationalen Fotowettbewerben. Mit Jurymitgliedern aus Institutionen wie dem Whitney Museum of American Art, Christie’s, Vanity Fair und der Universität Zürich werden Arbeiten aus über 79 Ländern bewertet.

Dass ausgerechnet ein Igelbaby aus dem Hegau in dieser Gesellschaft seinen Platz findet, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer Begegnung, die mich verändert hat.

Die Geschichte hinter dem Bild

The Hedgehog entstand im Rahmen einer Fotodokumentation über die Arbeit von Manuela Martin und ihrer Igelhilfe E.igeltingen gUG in Eigeltingen bei Stockach, im Landkreis Konstanz. Was 2016 mit einem einzigen untergewichtigen Igel begann, der sich nachts an einem Gelben Sack zu schaffen machte, ist heute zu einer der wichtigsten regionalen Anlaufstellen für Igel in Not geworden.

Manuela versorgt jährlich bis zu 200 Igel – verletzte, verwaiste, ausgehungerte Tiere, die ohne ihre Hilfe keine Chance hätten. Sie päppelt bis zu 40 Igel gleichzeitig in ihrem Haus auf, finanziert Futter und Medikamente größtenteils aus eigener Tasche und wird rund um die Uhr angerufen, wenn irgendwo in der Region ein Igel gefunden wird. Unterstützt wird sie von ihrer Familie, freiwilligen Helfern und einzelnen Sponsoren aus der Region.

Was mich als Fotograf an dieser Arbeit fasziniert, ist die radikale Zärtlichkeit, mit der hier Leben gerettet wird. Keine große Organisation, kein Apparat – sondern Hände, die halten. Ein Mehlwurm, der gereicht wird. Die leise Entschlossenheit, dass dieses kleine Leben zählt.

Warum Igelschutz uns alle angeht

Der Zeitpunkt dieser Auszeichnung könnte kaum passender sein. Seit Oktober 2024 steht der westeuropäische Igel (Erinaceus europaeus) erstmals auf der Roten Liste der IUCN – eingestuft als „potenziell gefährdet“ (Near Threatened). Die Weltnaturschutzunion schätzt, dass die Bestände in den letzten zehn Jahren je nach Land um 16 bis 33 Prozent zurückgegangen sind.

Die Ursachen sind vielfältig und fast ausnahmslos menschengemacht:

  • Straßenverkehr: Bis zu eine Million Igel werden in Deutschland jährlich überfahren.
  • Mähroboter und Motorsensen: Besonders nachtaktive Mähroboter verursachen schwerste Verletzungen, oft an Jungtieren.
  • Versiegelung und Schottergärten: Lebensräume verschwinden, natürliche Unterschlupfe werden seltener.
  • Intensive Landwirtschaft und Pestizide: Das Insektensterben entzieht dem Igel seine Nahrungsgrundlage.
  • Zäune und Barrieren: Moderne Gartenzäune ohne Durchschlupf zerschneiden Wanderkorridore.

Der Igel steht symbolisch für eine Krise, die nicht in fernen Regenwäldern stattfindet, sondern direkt vor unserer Haustür. In unseren Gärten, auf unseren Straßen, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.

Was jeder tun kann

Igelschutz beginnt im eigenen Garten. Ein paar einfache Maßnahmen können einen großen Unterschied machen:

  • Laub- und Reisighaufen als Unterschlupf und Winterquartier liegen lassen
  • Durchschlupfe in Zäunen schaffen (10 × 10 cm reichen aus)
  • Mähroboter nur tagsüber laufen lassen, niemals nach Einbruch der Dämmerung
  • Auf Pestizide und Schneckenkorn verzichten – sie vergiften die Nahrungskette
  • Gelbe Säcke nicht offen zugänglich lagern – Igel verfangen sich darin
  • Wasserschalen aufstellen, besonders in trockenen Sommern
  • Hilfsbedürftige Igel melden – bei lokalen Auffangstationen oder Tierheimen

Wer die Arbeit der Igelhilfe E.igeltingen unterstützen möchte, kann dies mit Sach- oder Geldspenden tun. Mehr Informationen unter igeltingen.de oder auf Instagram/Facebook unter @igelhilfe_e.igeltingen.